Bauraum für Low-Tech Ideen

Aber ist das noch Low-Tech?

(ich glaube nicht…)

Einleitung

Da steht sie nun, die Solardusche aus Fahrradschläuchen und Kronkorken. Voll Low-Tech! Oder? Was macht ein Low-Tech Design wirklich aus? Sind Kompromisse eingegangen worden? Und wenn ja, wo und warum? In der Theorie klingt alles so klar. Auf der Baustelle überwerfen sich Realität, Pragmatik und Ideale. Durch diesen Leitfaden sollen Ansprüche an Low-Tech evaluierbar werden. Dabei haben wir uns an unserer Low-Tech Definition orientiert.

Alle Bauenden, Bastelnden, Interessierten, Planenden, Kritischen, Erfindenden und alle anderen auch können ihre Designs auf die Low-Tech-Charakteristika abklopfen. Wir verstehen den Begriff Design als Antwort auf eine Problemstellung im Sinne der Low-Tech Definition. Das bedeutet, dass nicht nur das fertige Produkt, sondern auch sein Entwicklungsprozess und sein ganzer Lebenszyklus (Planung, Herstellung, Nutzung, Wartung, Reparatur, Demontage, Entsorgung) mit gedacht und berücksichtigt wird.

Für eine einfache direkte Anwendung haben wir den Leitfaden als Checkliste gestaltet. Die Fragen können alle mit Ja oder Nein beantwortet werden. Ein Ja bedeutet, dass euer Design der obigen Definition von Low-Tech entspricht. Dabei kann es vorkommen, dass die Einschätzung je nach äußeren Faktoren, wie zum Beispiel dem Einsatzort, variiert. Oder, dass Fragen auftauchen, welche hier aufgrund ihres spezifischen Charakters nicht berücksichtigt wurden. Diese Checkliste wird ständig weiterentwickelt. Sie stellt nie einen Anspruch auf Vollständigkeit und stellt manchmal auch nur einen Denkanstoß dar. Umgekehrt freuen wir uns auch über Input von außen.
In der Checkliste findet ihr eingeklammerte Fragen. Diese wiegen für uns weniger schwer in der Einschätzung des Designs. Wir erachten es beispielweise für weniger wichtig, ob während des Baus mal eine elektrische Säge benutzt wird, solange generell auch eine stromlose verwendet werden könnte.

Checkliste

Gemeinschaft

Stillen eines Bedarfs und/oder Verbesserung der Situation

  • Besteht in der Zielgruppe der Bedarf nach dem Design?
  • (Verbessert das Design die Situation für die Zielgruppe oder ersetzt eine schon bestehende Lösung durch eine Low-Tech-Lösung?)

Freie Verfügbarkeit

  • Wird Wissen über das Design/die Technologie (Baupläne, Werkzeuge, Materialien, Anleitungen, Wissen, etc.) am Einsatzort dauerhaft bereit gestellt oder ist schon frei verfügbar?
  • Wird bedacht, dass das Design nicht durch Patente oder sonstige Copyrights kommerzialisiert werden kann?
    • Ist die für das Design passende freie Lizenz (Copyleft) ausgewählt?
    • → Erstellung Extra-Dokument zu Freien Lizenzen und Verweis (TODO: Stephan!)

Angepasstes Design (siehe auch Kapitel 'Black Box')

  • Ist die Herstellung, Nutzung und Wartung des Designs bezogen auf die Möglichkeiten der Zielgruppe angepasst?
  • Barrierefreiheit:
    • Wird berücksichtigt, dass das Design Menschen durch eingebaute Barrieren nicht beeinträchtigt? (z.B. durch Gewicht, Erreichbarkeit, Bedienbarkeit, …)
    • Ist die Herstellung des Designs für die Beteiligten zu bewerkstelligen? (handwerkliche Fähigkeiten, eingesetzte Werkzeuge, Kapazitäten, …)

Kosten

  • Müssen notwendige Materialien wirklich gekauft werden? (Prüfung von Alternativen)
  • Und ist Finanzierung von der Zielgruppe tragbar?
  • (Werden Kosten vermieden bzw. wird der finanzielle Aufwand bei Herstellung und Betrieb des Designs reduziert?)

Sicherheit und Hygiene bei Herstellung und Nutzung

  • Werden Verletzungs- und Unfallgefahren oder Folgeschäden durch Sicherheitsvorkehrungen (Arbeitsschutz) minimiert?
  • Wird innerhalb des Designs auf etwaige vermeidbare und unvermeidbare Gefahren ausreichend hingewiesen?
  • Werden Hygiene-Vorkehrungen berücksichtigt und ggf. getroffen?
    • Beispiel: Trenntoiletten können die hygienische Situation verbessern, wenn jedoch die Fäzes von Fliegen aufgesucht wird, dann können Krankheiten verbreitet werden.

Auswirkungen auf Mensch und Umwelt

  • Kann ausgeschlossen werden, dass durch das Design Einzelne, die Gemeinschaft oder Dritte (egal ob lokal oder global) beeinträchtigt bzw. deren Bedingungen verschlechtert werden?
  • Werden die negativen Umwelteinflüsse im Vergleich zur bestehenden Situation verbessert und bleiben so gering wie möglich?

Werkzeuge

Strom

  • Werden keine elektrischen Werkzeuge eingesetzt?
  • Wird benötigte Energie durch mechanische Verfahren bereitgestellt, wie Fahrradantrieb, Nähmaschinenantrieb, Wasserkraft, Windkraft, u.a.?
  • Wird eventuell notwendiger Strom lokal, erneuerbar erzeugt?
  • (Ist es vermeidbar elektrische Werkzeuge für die Herstellung des Desgins einzusetzen?)

Selber herstellbar? !Auch ein Werkzeug kann schon ein Low-Tech Design sein!

  • Sind die Werkzeuge, die zur Herstellung des Designs benötigt werden, selber hergestellt oder recycled?
  • (Sind komplexe Werkzeuge als Gemeingut verfügbar?)

So wenig wie möglich.

  • (Werden nur notwendige Werkzeuge benutzt?)

Materialien

Cyclebarkeit (Up-, Re-)

  • Sind die Materialien wieder- oder weiterverwendet?
  • (Findet kein Downcycling statt?)
  • Können die verwendeten Materialien anschließend recycled werden?
  • Können die nicht wiederzuverwendenden Materialien anschließend vor Ort biologisch abgebaut werden?
  • Werden ausschließlich Materialien verwendet, die anderweitig keine Verwendung mehr finden?
  • Wird darauf geachtet, ob Material vermieden werden kann?

Lokalität

  • Sind die benötigten Materialien lokal verfügbar?
  • (Können die verwendeten Materialien lokal repariert oder ersetzt werden?)
  • Können die verwendeten Materialen nach Demontage lokal recycled oder entsorgt werden?
  • Sind die notwendigen Neu-Materialien lokalen Ursprungs und aus nachhaltig-nachwachsenden Rohstoffen?

Langlebigkeit

  • Haben die verwendeten Materialien eine lange Lebensdauer?

Auswirkungen auf Umwelt und Menschen

  • Kann ausgeschlossen werden, dass durch das verwendete Material Einzelne, die Gemeinschaft oder Dritte (egal ob lokal oder global) beeinträchtigt bzw. deren Bedingungen verschlechtert werden?
  • Werden die negativen Umwelteinflüsse im Vergleich zur bestehenden Situation verbessert und bleiben so gering wie möglich?

Anti-BlackBox

  • Ist das Low-Tech-Produkt …
    • leicht verständlich bzw. selbsterklärend?
    • reproduzierbar?
    • einfach reparierbar?
    • modular aufgebaut? (einfache Reparatur und Austauschmöglichkeit)
    • langlebig?
    • einfach zu bedienen?
  • Hat das Low-Tech-Design die passende Copyleft-Lizenz (freie Verfügbarkeit)?

Betrieb

  • Ist die Betriebssicherheit gegeben? (Arbeitsschutz, …)
  • Ist der Betrieb ohne Strom möglich?
    • Wenn nein, wird darauf geachtet, dass der Strombedarf so gering wie möglich ist und der notwendige Strom nachhaltig-erneuerbar ist?

Wartung

  • Wird darauf geachtet, dass Bauteile während des Betriebs so wenig wie möglich verschleißen?
  • Ist es möglich notwendige Ersatzteile durch andere Bauteile und Materialien zu ersetzen?
  • Wird darauf geachtet, dass das Low-Tech-Design den äußeren Einflüssen (wie z.B. Witterung) angepasst werden kann? (z.B. Möglichkeit zum Ablassen des Wassers bei einer Solardursche im Winter)

Hinweise

Nachfolgend werden auf weitere wichtige und ggf. zu berücksichtigende Checklisten verwiesen:

  • Rassismus Checkliste
  • Gender Checkliste
  • Disability Checkliste

Anmerkung: Dieser Leitfaden wurde vom Bauraum für Low-Tech Ideen erstellt (Stand: März 2013).